Arbeiterkolonie Wilhelmsdorf – ein historischer Ort

Im Jahre 1882 entschloss sich Pastor Friedrich von Bodelschwingh, der Begründer von Bethel, etwas für die „Brüder der Landstraße”, arbeits- und wohnungslose Männer, die damals überall im Land und in den Städten herumirrten, zu tun. Er wollte Ihnen wieder einen Sinn im Leben, Obdach und Arbeit geben.


... Daher zog er über den Teutoburger Paß von Bielefeld in die Senne, damals einem einsamen, wenig fruchtbaren und dünn besiedelten Landstrich an der alten Landstraße nach Paderborn. Wohin man blickte, sah man rote Heide, stehende Wasserlachen, kümmerliche Kiefern – ein weites, ödes Land. Im Boden lagerte der Ortsstein, der ein Auf- und Absteigen des Wassers verhinderte und die Pflanzen nur kümmern ließ. Wurde der Ortsstein aber aufgedeckt, so zerfiel er an der Luft und an der Sonne und der Boden wurde fruchtbar. Hier fand er was er suchte: „Arbeit in Fülle für die Arbeitslosen, im hoffnungslosen Land hoffnungsvolle Aufgaben für die Hoffnungslosen.” An den Ufern des Dalbke-Baches fand er einen zerfallenen Hof, der Obdach und Heimat werden sollte für seine Schützlinge. Und fortan hieß es in Bielefeld: „ Niemand braucht mehr mit Almosen und Pfennigen abgespeist zu werden. Es ist Arbeit für ihn da; schickt ihn hinaus in die Senne!” Und es kamen zerlumpte, verlauste und versoffene Männer aus allen Gauen und Ständen und jeglichen Alters. ...




So steht es in den Überlieferungen und es entstand die erste deutsche Arbeiterkolonie in Wilhelmsdorf. Die Kolonisten bauten mit harter Arbeit ihre neue Heimat auf, schafften Vieh an, schaufelten Acker für Acker den Ortsstein aus 50 bis 100 cm Tiefe nach oben, um den Boden fruchtbar zu machen, und gruben Gräben zur Regulierung des Wassers. 

 

Bereits 1883 besuchte Kronprinz Friedrich Wilhelm die junge Kolonie und übergab im Speisesaal einen Scheck an Pastor von Bodelschwingh zum weiteren Aufbau. Zur Erinnerung an seinen Vater Kaiser Wilhelm I. sollte die Kolonie von da an Wilhelmsdorf heißen. Später entstand ausgehend von der Kolonie die jetzige Ortschaft Eckardtsheim. Übrigens ist heute noch im „Goldenen Buch von Eckardtsheim” auf der ersten Seite die Unterschrift des damaligen Kronprinzen zu lesen.



 

Die Arbeiterkolonie Wilhelmsdorf war der Ursprung und Vorbild für viele weitere Koloniegründungen in ganz Deutschland. Im Laufe der Jahrzehnte entwickelte sie sich zu einer florierenden Landwirtschaft mit sozialem Auftrag. Viele Verarbeitungsbereiche rund um die Landwirtschaft wie Milchverarbeitung, Schlachterei, Mühle und Kartoffelschälbetrieb wurden nach und nach aufgebaut und machte Wilhelmsdorf zu einem wichtigen Versorgungsbetrieb für die Von Bodelschwinghschen Anstalten (vBA) in Bethel. Erst in den achtziger Jahren entfiel langsam der Auftrag, obdachlose Männer zu beherbergen und zu beschäftigen. Der Betrieb war zwar noch ein Anstaltsbetrieb, entwickelte sich aber zurück zu einer reinen Landwirtschaft mit Milcherzeugung, Saatgutvermehrung und Kartoffelbau. Die Arbeit wurde von Angestellten und den weniger werdenden „Kolonisten” unter Leitung eines Diakons, der gleichzeitig Landwirtschaftsmeister war, erledigt. 



 

Im Jahre 1995 entschloss sich die Leitung der vBA, den Betrieb zu verpachten. Dies geschah mit der Auflage, ihn nach den Methoden des ökologischen Landbaus umzustellen.

Johannes Berger und Ulrich Schumacher machten ein Konzept für die Umstellung und Weiterentwicklung des Betriebes und bewarben sich um die Pacht. Das Konzept ging dahin, neben der Umstellung Verarbeitungskapazitäten und die Direktvermarktung wieder aufzubauen. Am 1.4.1995 wurde der Betrieb privatisiert, indem die Tiere und Maschinen an die Berger/Schumacher GbR verkauft und das Land, die Milchquote sowie die Gebäude langfristig verpachtet wurden.



Mehr Informationen zur weiteren Entwicklung : Gut Wilhelmsdorf.pdf