Hofgedanken Mai / Juni 2022

Frühlingsbestellung und muttergebundende Aufzucht

Es ist Mai und wir stecken gerade in der arbeitsreichsten Zeit des Jahres. In der letzten Woche haben wir unseren ersten Grasschnitt eingefahren und können sehr zufrieden sein. Wir konnten durch den frühen Schnittzeitpunkt sehr gute Qualitäten ernten. Das bedeutet uns gerade angesichts der explodierenden Kraftfutterkosten sehr viel. Denn jede gute Milchbäuerin weiß: Gutes Grundfutter ist das A und O in der Milchviehhaltung. Nach dem ersten Schnitt wäre dann jetzt ein ordentlicher Regenguss mal wieder ganz gut!

Ansonsten legen wir gerade den Mais, unser zweiter wichtiger Baustein beim Grundfutter (Das mit dem ausgewogenen Verhältnis von Kohlehydraten und Proteinen hatten wir ja schon beim letzten Mal). Die Kartoffeln sind schon in der Erde und stecken langsam ihre ersten zarten Blättchen raus. Für uns heißt das in den nächsten Wochen striegeln, hacken und nochmals hacken, damit Mais und Kartoffeln gegen das Unkraut eine Chance haben. Chemisch-synthetischer Pflanzenschutz wird bei uns nicht eingesetzt. Also ihr seht, alle Trecker-begeisterten MitarbeiterInnen kommen gerade voll auf ihre Kosten.

Bei den Kühen gibt es auch Neuigkeiten. Wer uns auf Facebook oder Instagram folgt, der weiß, dass wir einen kleinen Versuch über muttergebundene Kälberaufzucht gestartet haben. Acht Kälber sollen die gesamte Milchtränkeperiode (die ersten drei Lebensmonate) ausschließlich von ihrer Mutter gesäugt werden anstatt, wie üblich mit Vollmilch durch den Tränkeautomaten. Kuh und Kalb bleiben dazu zunächst drei bis fünf Tage in einer Einzelbucht, damit sie eine starke Bindung aufbauen können. Die ist für das Kalb in so einem Aufzuchtsystem überlebenswichtig, denn wenn die Mutter sich nicht kümmert, hat das Kalb keine Chance. Nach der Bindungsphase kommen Kuh und Kalb dann in die große Herde, wo sie die gesamten drei Monate zusammen verbringen abgesehen von den täglichen Melkzeiten. Wissenschaftlich begleitet wird der Versuch durch die Universität Kassel-Witzenhausen und der Bachelorstudent Richard hilft tatkräftig und voller Freude bei der Umsetzung. Danke dafür Richard!

Bisher sind vier Versuchskälber geboren und dabei. Zwei laufen bereits in der Herde mit. Die Kälber sind bisher alle sehr aufgeweckt und die Mütter sehr mütterlich. Allerdings haben sich für die Kälber in der Herde auch zusätzlich gleich mehrere Ziehmütter gefunden, die kein eigenes Kalb mitführen und sich nun unbedingt kümmern wollen. Die Kälber sind da auch gar nicht wählerisch, die trinken bei allen Kühen, die es anbieten und zulassen. Sie sind also gut genährt, die lieben Kleinen. Die Mütter geben allerdings leider im Melkstand ihre Milch nicht gut her. Kühe können ihre Milch aufziehen (z.B. bei Stress). Und die kalbführenden Kühe ziehen ihre Milch im Melkstand hoch, was für uns zu einem deutlichen „Verlust“ an Milch führt. Sie geben also nicht nur die Milch nicht, die das Kalb säuft, sondern auch darüber hinaus, geben sie die Milch schlecht her. Das kann auch gesundheitliche Folgen haben, so mussten wir eine Kuh mit einer akuten Euterentzündung schon aus dem Versuch ausscheiden lassen. Wir werden das aber noch weiter beobachten, denn wir stehen ja noch ganz am Anfang des Versuchs. Fest steht aber schon jetzt, den Verlust an Einkommen durch die geringere Milchmenge bei muttergebundener Kälberaufzucht können wir natürlich nur durch einen höheren Preis wieder reinholen. Wie viele Mehrkosten für uns ungefähr entstehen und welche Auswirkungen die Umstellung auf so ein Aufzuchtsystem für uns hätte, dass ist Ziel des Versuches und darüber werden wir Ihnen dann nach Abschluss berichten. 
 

Genießen Sie den Frühsommer und das frische Grün,

Ihre Wilhelmsdorfer BiobäuerInnen 

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